Der heutige Naturspaziergang führte uns in den herbstlichen, kühlen und immer noch sehr trockenen Wald. Auf dem Speiseplan standen heute Pilze. Im Fokus stand dabei nicht, eine Pilzsammlung für ein abgerundetes Menu zusammenzutragen, sondern die Vielfalt der Pilze kennenzulernen. So liessen sich rund 67 Personen von Do Häberling, Lydia Buholzer und This Schenkel in das Reich der Pilze führen.

Wenn ich schreibe ins Reich, ist das wörtlich gemeint. Pilze gehören weder ins Tier- noch ins Pflanzenreich, sondern bilden ein eigenes Reich innerhalb der drei grossen Reiche eukaryotischer (mit echtem Zellkern) Lebewesen. Apropos Zellkern: Pilze schützen ihren Zellkern mit Zellwänden aus Chitin, aus dem bei den Gliederfüsslern das Exoskelett besteht. Dies und noch vieles mehr erfuhr man bei diesem Naturspaziergang.

Der Pilz, den wir sammeln oder bestaunen, ist nur der Fruchtkörper. Der eigentliche Pilz ist das so genannte Myzel, das wiederum aus fadenförmigen Hyphen besteht. Myzelien können weitverzweigte Stränge, ähnlich Schiffstauen, bilden. Man spricht dann von einem Rhizom. Wenn zwei Myzelien zusammenkommen und ein Rhizom bilden, besitzen beide Myzelien noch immer je einen Zellkern. Erst wenn die Faktoren stimmen – Feuchtigkeit im Boden, Feuchtigkeit in der Luft und die Temperatur – kommt es zu einer Zellverschmelzung und ein Fruchtkörper entsteht: Das, was wir gemeinhin als Pilz bezeichnen. Mit dem Myzel, der Gesamtheit aller Pilzfäden und seines Fruchtkörpers verhält es sich so wie mit dem Apfelbaum und dem Apfel: Der Baum wäre dann das Myzel, der Apfel der (Pilz)-Fruchtkörper. Nicht alle Pilze bilden allerdings einen Fruchtkörper. Der Fruchtkörper dient dem Pilz für die Fortpflanzung, indem er die Sporen bildet, die dann auf die Reise geschickt werden. Die Sporen sind winzig klein und haben kaum Gewicht. Darum fallen sie sehr langsam zu Boden und haben im langsamen Fall gute Chancen vom Wind fortgetragen zu werden, sofern sie nicht auf andere Hilfsmittel zurück greifen. Solch eine Spore braucht auf ihrem Weg zum Boden für einen Zentimeter eine ganze Minute! Hingegen vollzieht sich das Wachstum der Fruchtkörper zum Teil sehr schnell. Einer Stinkmorchel kann man buchstäblich beim Wachsen zusehen – dafür braucht es ein wenig Geduld. Das Myzel kann sich im Erdboden, Holz oder an anderem lebenden oder abgestorbenen organischen Gewebe festsetzen. So auch in unserem Körper. Zusätzlich nehmen wir mit jedem Atemzug ca. 200 Pilzsporen auf, im Wald sogar noch mehr. Doch man muss sich keine Sorgen machen, dass man langsam innerlich verschimmelt – ein gesunder Körper kann gut damit umgehen.

Pilze sind unentbehrlich im Wald. Es gibt Pilze, die mit einem Baum eine Symbiose eingehen. Diese Mykorrhizen (Wurzelpilze) liefern den Bäumen Wasser und Nährstoffe und erhalten dafür Zucker. Es ist daher von Vorteil zu wissen, wer sich zusammen tut. So findet man beispielsweise den Goldröhrling immer bei Lärchen oder Steinpilze oft bei Rottannen. Es gibt aber auch Pilze, die sich von toten organischen Stoffen ernähren, die Saprophyten. Sie sorgen unter anderem dafür, dass wir nicht im Herbstlaub ertrinken. Weiter gibt es Pilze, die für den Nachschub des Totholzes besorgt sind, die Parasiten. Neuere Forschungen zeigen aber auch, dass die Pilze für die Kommunikation der Bäume wichtig sind, indem sie als ¨wood wide web¨ fungieren, die Myzelien also so etwas wie ein Glasfasernetz darstellen. Das wäre aber ein eigenes Thema, das die Grenzen dieses Berichts sprengen würde.

Das alles ist keine leichte Kost und nicht immer sind die Zusammenhänge verständlich, insbesondere, weil das Reich der Pilze noch längst nicht alle Geheimnisse preisgegeben hat. Die Pilze selber, also deren Fruchtkörper, sind auch schwer verdaulich. Sie bestehen zu einem grossen Teil aus einem Eiweiss, das wir mangels eines geeigneten Enzyms nicht knacken können. So kommt das Meiste, das wir oben zerkaut haben, wieder – pardon – unten hinaus. Aber bevor Sie sich an die Verspeisung von Pilzen machen: Ein Gang zum Pilzkontrolleur ist mehr als zu empfehlen! Pilze können so giftig sein, dass man daran sterben kann. Auch wenn sie nur ungeniessbar sind, erspart das Ihnen unter Umständen nicht einen Spitalaufenthalt. Scheuen Sie den Gang zum Pilzkontrolleur nicht, selbst wenn Sie die Pilze gut kennen. Bei vielen Pilzen gibt es eine Zwillingsart, die nur von geübten und fachkundigen Personen erkannt wird. So sieht der Spitzschuppige Schirmling dem Hallimasch zum Verwechseln ähnlich – und nur Letzterer ist essbar. Neben dem kulinarischen Genuss haben Pilze auch ästhetisch viel zu bieten. Die Formen- und Farbenvielfalt ist erstaunlich! Da gibt es Becherlinge, Borstentrameten, Blättlinge, Dickfüsse, Flechten, Kahlköpfe, Ritterlinge, usw. Allein unter den Ständerpilzen findet man z.B. Milchlinge, Röhrlinge, Stinkmorcheln und Ohrlappenpilze. Wenn Sie annehmen, dass der Artname etwas mit einem Merkmal des Pilzes zu tun hat, liegen Sie richtig. Gut ist auch zu wissen, dass jeder Pilz oft einen bestimmten Duft hat. Die Fencheltramete riecht tatsächlich nach Fenchel oder der Mehlräsling nach nassem Mehl.

So ist ein Gang mitten durch den Wald auch etwas sehr Sinnliches. Es ist immer wieder erstaunlich, wie ein Wald selbst im Hochnebellicht in herbstlichen Farben leuchtet. Die einen erfreuen sich an der Schönheit des Waldes, insbesondere am heutigen Naturspaziergang an den Pilzen, den anderen läuft das Wasser bereits beim Sammeln im Mund zusammen. Weitere versuchen, den Gerüchen auf die Spur zu kommen. So sind alle irgendwie beschäftigt und die Körbe füllten sich schnell mit allerlei Pilzen, die eingeteilt wurden in giftige, ungeniessbare und essbare Pilze. Insgesamt kamen vierzig Arten zusammen, darunter der grüne Knollenblätterpilz (eine der giftigsten), der Birnenstäubling, der Mönchskopf (der angeblich den gleichnamigen Geruch verströmt), die Nebelkappe (passend zum Wetter), der bärtige Ritterling oder der Goldröhrling. Die Pilzsammlung gab ein schönes Lehrstück her für Bestimmung und Diskussion. Einige Arten wurden genauer vorgestellt, Tipps und Tricks zur Zubereitung ausgetauscht und die Pilze konnten so in natura studiert werden. Ich als Pilzkontrolleurin wäre keinen Pfifferling wert, doch hat sich mir – und ich nehme an, den anderen Naturspaziergängerinnen und Spaziergängern erging es ebenso – das Fenster zur Welt der Pilze weit geöffnet. Gestärkt mit einem warmen Tee, spendiert vom NVV Höngg, wurden wir wieder in den herbstlichen Wald entlassen.

Auf den nächsten Naturspaziergang, wo wiederum viel erfahren werden kann, darf man sich schon jetzt freuen, er wird uns in Adventsstimmung versetzen.

Text: Denise Thoma, Fotos: Jacqueline Herberich, Silvia Noser, Eva Ott

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