Naturspaziergang; Sonntag 10. November 2019

Mit «Baum» ist an diesem nebligen Morgen die Eiche gemeint – die Biodiversitätsbaumart. Viele Pflanzen und Tiere leben von und mit ihr, davon allein 300 - 500 Insektenarten wie der Eichensplintkäfer (frisst die jungen Triebe), die Hornisse (nutzt Höhlen im Stamm), der Eichelprozessionsspinner (kann den Baum kahlfressen, dieser überlebt das aber) und der Purpurräuber (ein sehr schöner Käfer, der wiederum die Raupen des Eichelprozessionsspinners frisst).

An der von den Naturspaziergängerinnen und Naturspaziergängern mit Blättern und Stöckchen skizzierten Eiche gedeihen zum Beispiel auch noch der Grosse Abendsegler, der Mittelspecht und der Waldkauz als Nachmieter in Buntspechthöhlen, der Baummarder, der vergessliche Eichelhäher (vergisst seine Eichelverstecke und forstet so den Wald auf), das Eichhörnchen, der Steinpilz, der Eichenfeuerschwamm (zersetzt totes Holz), das Eichenmoos…

Die Eiche mit ihrer zerklüfteten Rindenstruktur ist ein toller Ort für Organismen zum Verstecken und Überwintern. Die Baumkrone lässt viel Licht und Wärme durch für Kräuter und Pflanzen in ihrem Umfeld, tote Äste auf dem Baum sind wichtig für zahlreiche Tiere. Die Eiche gibt es schon sehr lange; nach der letzten Eiszeit war sie die erste Baumart, die sich wieder ansiedelte, noch vor der Buche. In ihrer Rinde und im Holz stecken viele Gerbstoffe, an die sich die Organismen anpassen mussten. Deshalb besteht das Eichenökosystem aus Spezialisten. Ein System, das auch mal 1000 Jahre existent sein kann, je nachdem wie lange es lebt.

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Welchen Umfang kann eine sehr alte Eiche haben? Mit einer 15 Meter langen, von den Teilnehmenden im Kreis gehaltenen Schnur wird effektvoll visualisiert, wie gross der Umfang einer 850 Jahre alten Eiche in Schweden ist. Die Eiche am Wegrand, deren Stumpf noch sehr gut die Jahresringe erkennen lässt, wurde zwar «nur» 180 Jahre alt (normales Alter für eine Mittelwaldeiche), aber auch sie hat die Gottharderöffnung 1882, die Erfindung des Reissverschlusses 1914, den Jahrhundertsommer 1947 (sehr dünner Jahresring) und die Einführung des Frauenstimmrechts 1971 «erlebt».

Die Wissenschaft vergleicht übrigens das Muster aus Jahresringen (dünn – dick – dünn – dünn - dick etc.; dünn=Trockenheit, dick=gutes Jahr) von unzähligen Bäumen und kann effektive Datenreihen über das Klima von tausenden von Jahren erstellen.

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So kreativ wie hier geschildert vermitteln Silvana Wölfle, Simon Knüsel und Stefan Wymann zwei schnell verfliegende Stunden lang ihr Wissen. In einem Waldstück soll man sich einen gleichaltrigen Baum aussuchen, gleichaltrig wie man selber. Die Bäume sehen wirklich sehr unterschiedlich aus. Witzig, als sich herausstellt, dass alle 40 Jahre alt sind, weil zusammen angepflanzt. Nicht alle hatten die gleichen Ressourcen, vor allem Licht und konnten gleich gut wachsen. Mit einem Bohrer, der einen Bohrkern aus dem Stamm holen würde, könnte man wieder Jahresringe zählen und die Aussage bestätigen. Oder man zählt an den Nadelbäumen die jährlich gebildeten Astquirle bis zur Spitze nach oben und kommt so auf die 40 Jahre.

Eindrücklich auch, den Mittelwald zu erleben. Alle 30 Jahre werden die Bäume geerntet; in einem Waldstück voll dünner Bäume ist es bald wieder soweit. Die Bewirtschaftungsform aus dem 13. Jahrhundert wird bei uns aus ökologischen Gründen immer interessanter. Der Hochwald oder die Oberschicht aus grossen Bäumen wurde im Mittelalter alle 150 Jahre gefällt, um Bauholz zu gewinnen, der Niederwald oder die Hauschicht eben alle 30 Jahre für Brennholz und so. Schweine wurden zum Eicheln fressen in den Wald getrieben, der Wald wurde intensiv genutzt. Gut sichtbar: die erst kürzlich bewirtschaftete Fläche ist licht, Totholz wird stehengelassen. Heute legt man Wert auf eine naturnahe Bewirtschaftung; der Wald ist natürlicher als im 19. Jahrhundert, wo man aus wirtschaftlichen Gründen viel schnellwachsende Fichte anpflanzte, die dank damals hohem Holzpreis ganze Gemeinden finanzierte.

P1140866 kZum Schluss noch eine knifflige Frage: zwei Bändel, einer um den Baum gebunden und einer an einem Ast hängend, wo würden sie in zehn, zwanzig Jahren sein in Anbetracht des Längen- und Dickenwachstums? Von den verschiedenen Baumschichten ist das Kambium die vitalste; Zellen wachsen in beide Richtungen, nach innen bilden sie den Jahresring, nach aussen den Borkenring. Der Jahresring besteht im Frühling aus sehr grossen dünnwandigen Zellen, die den Wassertransport voll Energie gewährleisten (die Eiche macht das vor dem Blattaustrieb), im Herbst dagegen produziert das Kambium ganz enge dickwandige Zellen, die für die Stabilität sorgen. Direkt unter der Rinde, im Bast oder Phloem, fliesst die durch die Fotosynthese gebildete Zuckerlösung hinab zu den Wurzeln. Wird die Rinde stark verletzt, ist das gefährlich für den Baum; Pilze und Bakterien könnten eindringen. Eine Spaltung durch einen Blitzschlag zum Beispiel wird schnellstmöglich «überwallt». Der Baum überwallt mit grotesken Formen auch andere Dinge, die im Weg sind, angelehnte Fahrräder zum Beispiel. So langsam klärt sich die Frage: der Baum wächst durch das Dickenwachstum in die Breite, der Bändel rundherum würde eingewallt und der Bändel am Ast bliebe an der gleichen Stelle (in die Höhe wächst nur die Spitze), würde aber irgendwann vom Baum «gefressen».

Und ganz zum Schluss: Eigenlob stinkt nicht immer. Über sechzig Naturspaziergängerinnen und Naturspaziergänger an einem kalten Novembermorgen: das ist ein Kompliment für den NVV Höngg.

Pia Schad, Text, Dorothee Häberling Fotos

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